Austropop - Geschichten mit Geschichte

 

Anekdotenreihe 

von Mostrocker Gerhard Egger

2020 - Mein letztes Posting zum Thema Austropop hat in vielen Internetforen eine erstaunliche Anzahl von Stellungnahmen provoziert. Für jene, die das zweite Gesicht meines weltoffenen und trotzdem heimatverbundenen Musikmachens noch nicht kennen, hier ein Link ins Jahr 1973 bzw. 1983. Damals wollte ich musikalisch die Frage beantworten, ob denn Austropop außerhalb von Wien auch noch irgendwo präsent sei. Oben eine Auflistung der Auftrittsorte, die ich in meinem Musikerleben bespielt habe. Darauf Bezug nehmend, werde ich hier eine Reihe von teils kuriosen Vorfällen dokumentieren, die ich in all den Jahren erleben durfte. 

Link zu Alpenrock'n'roll 1973: https://www.youtube.com/watch?v=E43CDGhXj2Y 

 

1930 - In der Einleitung möchte ich meine volksmusikalische Vorgeschichte ansprechen: In meiner Familie wurde das salzkammergütlerische Musizieren nach dem Gehör seit jeher groß geschrieben. Mein Großvater, einst Bergmann im Hallstätter Salzberg und Bürgermeister von Gosau, aber auch Mundartdichter und Sänger, durfte sogar einmal in Wien vor Kaiser Franz Josef auftreten, während meine Mutter (rechts hinten) in den 1930er-Jahren in einer Musikgruppe um den Erstbesteiger der Dachsteinsüdwand Georg Irg Steiner mitsang. Man beachte: Schon damals posierten sie wie eine Popgruppe.

Link zu Georg Steiner: http://www.alpinwiki.at/portal/navigation/erst-besteiger/erstbesteigerdetail.php?erstbesteiger=34441

 

1955 – Zum besseren Verständnis dieser Anekdotenreihe kehre ich kurz in mein Geburtshaus nach Gosau am Dachstein zurück. Das Gosautal mit seinen Seen gehört für mich zu den schönsten Landschaften Österreichs. Meine volksmusikalische Initialzündung passierte dort lustigerweise beim Geschirrabwaschen: Ich war gerade einmal 5 Jahre alt, als meine gesangsbegeisterte Mutter das Lied "Die Gamserl schwoarz und braun" anstimmte. Spontan sang ich eine zweite Stimme dazu und konnte mich danach meiner küssenden Tanten kaum mehr erwehren. "Du wirst einmal ein großartiger Volksmusiker", zeigten sie sich begeistert. Sie konnten da ja noch nicht wissen, wie sehr einst die Beatles mein Leben verändern würden.

Link zu Gosau: https://de.wikipedia.org/wiki/Gosau

 

1960 - In meiner Gosauer Familie wurde die Arbeitsbelastung oftmals mit Musik ausgeglichen. Aus diesem Grund standen aus dem Nachlass meines Großvaters in unserem Haus mehrere Musikinstrumente herum, die jedoch keiner so richtig spielen konnte. Prunkstück in der Sammlung war ein alter Flügel, den mein Vater auf einem Pferdemarkt ersteigert hatte. Welches Kuriosum ein derartiges Istrument in einer kleinen Bergbauerstube darstellte, war uns damals noch nicht klar. Und so klimperten meine beiden Brüder und ich nicht selten nach unserer Mithilfe bei der Wald- oder Feldarbeit darauf herum. Musiknoten kannten wir nicht, also zogen wir unser Gehör zu Rate. (Bei den Fotos von Stube und Klavier handelt es sich keine Originale, sondern um optisch nahezu idente Beispiele.)

 

1962 - Mit einer ersten Erinnerung an Austropop-Star Wilfried Scheutz fahre ich fort: Als ich mit ihm im Goiserer Schulorchester als volksmusikalischer Solojodler unterwegs war, antwortete er auf die Aufforderung unseres Lehrers, er möge doch die Gitarre rhythmisch genauer spielen, schlagfertig: "Wenn der Gerhard rhythmisch genauer singen würde, könnte ich ihn auch genauer begleiten." Nach der Schule haben wir uns dann für einige Jahre aus den Augen verloren, bis ich schließlich das Lied "Sag warum" für ihn geschrieben habe.

Link zu Wilfried: https://www.youtube.com/watch?v=s8vKFw7p2pk

 

1963 - Als zweifacher Sieger der Gosauer Schulschimeisterschaften fieberte ich in diesem Jahr meiner Teilnahme an den OÖ. Schülerlandesmeisterschaften in Bad Goisern entgegen. Zu meinem Pech zog ich mir kurz davor beim Schispringen eine Schien- und Wadenbeinfraktur zu. Und so blieb mir als Trostpreis lediglich mein Einsatz am Schlagwerk des Schulorchesters im Rahmen der Siegerehrung. Mein Mitmusiker Wilfried Scheutz (an der Gitarre) witzelte in seiner bereits damals unnachahmlichen Art: "Der Gipshaxn passt eh guat zum Anlass und is außerdem a klasse Showeinlag."

 

1964 - Austropopper Werner Zauner aus Hallstatt (Hit: "Die Grille auf der Brille") war in der HS Bad Goisern ebenso wie Wilfried ein Jahrgangskollege von mir. Ihn habe ich ob seiner urviechhaften Robustheit in respektvoller Erinnerung. Kam man ihm frech, drohte er: "Reiß di zsamm, sist setzt's an etla Hoizhockadetschn!" Auch Hubert Achleitner (später Hubert von Goisern) besuchte dieselbe Schule, und zwar zwei Jahre hinter uns. Wir alle wurden von Lehrern aus der legendären Goiserer Musikerfamilie Atzmansdorfer volksmusikalisch gefördert, ehe uns vier junge "Schreihälse" aus Liverpool in ihren Bann zogen.

Link zu Werner Zauner: https://www.youtube.com/watch?v=6q-zibeO80c

 

1965 – Als ich im Alter von fünfzehn Jahren nach meinem Übertritt ins Internat des Gymnasiums Oberschützen (Südburgenland) mit dem Popsongschreiben begann, gab es in Österreich weder Radiosender noch Noten und schon gar keine Lehrer für Rock/Popmusik. Tonbandgeräte konnten wir uns nicht leisten, und ein Tonstudio war außerhalb von Wien noch etwas Fiktives. Also horchten wir, die wir aus allen Bundesländern Österreichs zusammengekommen worden waren,  auf Kurzwelle die Akkorde der Hits von Radio Luxemburg oder Radio Bratislava!!! ("Skupino The Beatles") herunter, obwohl uns die Erwachsenen diese "Krawallmusik" nahezu tagtäglich wutentbrannt untersagen wollten.

 

1966 - In diesem Sommer stand meine Musikleidenschaft für die Beatles (und für die Mädels) bereits voll in Flammen. Die Mehrstimmigkeit des Songs "Nowhere Man" jagten mir dieselben wohligen Schauer über den Rücken wie die der salzkammergütlerischen Viergesänge. Zwischen zwei Musikstilen hin- und hergerissen startete ich mit meinem Bruder Bruno (später Kriminalpolizist und Maler) und Paul Gamsjäger (später als Paul Jaeg Allroundkünstler und Verleger) im Gasthaus meiner Tante erste Crossover-Versuche zwischen Volks- und Popmusik. Das Schlagzeug stellten wir aus alten Trommeln der Blasmusikkapelle zusammen, als Gitarrenverstärker musste das alte Gaststubenradio herhalten.

 

1967 - Sgt. Pepper war meine erste eigene Schallplatte. Um jungen Musikern vor Augen zu führen, welcher Zeitgeist damals vorherrschte, hier eine weitere Anekdote: In Ermangelung von Musiknoten erarbeiteten wir uns die Beatlessongs auf dem Schulklavier nach dem Gehör. Wurden wir dabei ertappt, mussten wir 20 Schilling Strafe wegen Misshandlung des wertvollen Flügels berappen.

Geschichten mit Geschichte

1968 - habe ich als 18jähriger Gymnasiast für eine damals fälschlicherweise so bezeichnete "Jazzmesse" - Skandal! Ein Gottesdienst mit Pop-Songs!!! - das Lied "Jesus said" geschrieben. Eigentlich war es nie für mehr gedacht. Zwei Jahre später schwappte aus Amerika die Jesuswelle nach Europa und meine erste Band "Art Boys Collection" landete damit einen Ö3-Hit samt TV-Auftritt in Peter Rapps "Spotlight". Erst weitere 40 Jahre danach begann der Song auch international beachtet zu werden, als unsere LP "Stoned Wall" zuerst in Deutschland und dann auch in Portugal neu aufgelegt wurde. Hier einer der zahlreichen internationalen youtube-uploads:

Link zur ABC-Homepage: https://sites.google.com/site/artboyscollection/home

1968 - moderierte der legendäre Ö3-Mann Peter Machac einen 5 Uhr-Tee in Bernstein (Südburgenland), und ich durfte dort mit Schulkollegen drei Songs zum Besten geben. Voller Stolz trugen wir diese daraufhin auch auf unserem Maturaball in Bad Tatzmannsdorf als Mitternachtseinlage vor. Kaum hatte der Direktor unseres Gymnasiums die ersten Töne der "elektrischen Teufelsgeigen" vernommen, geriet er darüber derart in Rage, dass er hinter die Bühne stürmte und den Stromstecker aus der Dose riss. Notgedrungen beendeten wir unser "ungehobeltes Tun" a capella.

 

1969 - Nach fünf Jahren im Burgendland landete ich in Linz, hier beim Songwriting in meiner Studentenbude mit dem damals gerade hochaktuellen Sgt. Pepper Schnauzer. Die Haare trug ich wegen der zuvor abgelegten Matura zwischenzeitlich kurz. Als Langhaariger wäre man in den 1960ern auf dem Land noch mit ziemlicher Sicherheit durchgerasselt.

 

1971 - war meine erste Band Art Boys Collection als einzige österreichische Produktion in den Top 15 von Ö3, und das mit einem Song, den ich bereits 1968 geschrieben habe. Kürzlich hat ein Bekannter von mir im Internet den Beleg dafür ausgegraben und mich gefragt, warum man uns nicht zu den Vätern des Austropop rechnet, wo das doch bereits vor Ambros passiert ist. Ich kann dazu nur eine Vermutung äußern: Wir kamen halt aus der Provinz, und die war damals für die maßgeblichen Wiener Kreise nicht gerade von popmusikalischer Bedeutung. Dazu kam dann noch der Ö3-Boykott ein Jahr später. 

Link zu ABC: https://sites.google.com/site/artboyscollection/home

 

1971 - war ich mit meiner ersten Band "Art Boys Collection" auf Ö3-Tour durch Österreich und Bayern. Eva Maria Kaiser, in diesen Jahren Österreichs Popmusikpäpstin, befahl eines Tages unserem Organisten Walter Holz, er müsse sofort ihre Koffer ins Hotelzimmer schleppen. Walter weigerte sich und antwortete, er eigne sich nicht zum Maulesel. Nach diesem Vorfall verbannte Ö3 alle ABC-Songs aus den Playlists. 50 Jahre später werden sie nun in New York, London, Tokyo oder Sao Paulo eingesetzt.

Link zu ABC: https://sites.google.com/site/artboyscollection/home

Fortsetzung folgt in regelmäßigen Abständen.